BANDSCHEIBENVORFALL
Vorfall einer Bandscheibe
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Gut zu wissen ........
Modifizierter und aktualisierter Beitrag aus dem Buch "Ambulante und stationäre Therapie chronischer Schmerzen", herausgegeben von R. Le eser, ärztl. Dir. der Bad Mergen theimer Schmerzkliniken. Enke Verlag Stuttgart (Nov. 1995, 2. Auflage), ISBN 3-432-9932-1 * (Beurteilung im Deutschen Ärzteblatt, Heft 27, 5.7.1996: Ausgereiftes Handbuch der Schmerztherapie mit einem vorzüglichen pharmakologischen Überblick).
Bandscheibe n sind elastische Zwischenwirbelscheiben. Sie verhindern, daß sich die einzelnen Wirbelkörper (24) zu nahe kommen, so z.B. bei senkrechten Stoßbewegungen.
Der Vorfall einer Bandscheibe kann zu sehr starken Schmerzen führen, auch anhaltend, so daß dann Methoden der speziellen Schmerztherapie gefragt sind.
Von einem
Bandscheibenvorfall
ist am häufigsten die
Lendenwirbelsäule
betroffen, weil in diesem
Wirbelsäule
nabschnitt die größten statischen
Belastungen auftreten. Die Patienten befinden sich hauptsächlich im Alter
zwischen 30 und 50 Jahren.
Im Bereich der
Halswirbelsäule
kommt eher seltener zu einem Vorfall und dieser
tritt auch erst im späteren Alter auf, etwa zwischen 40 und 60 Jahren.
In nur 0,3 bis 2 Prozent der Fälle kommt es zu
Bandscheibenvorfälle
n an der
Brustwirbelsäule.
In wieweit das Rücken mark oder Nervenwurzel n von einem Bandscheibenvorfall betroffen sind, läßt sich diagnostisch nur durch Schichtaufnahmeverfahren mittels Computertomographie und Magnetresonanztomographie klären.
Wie kommt es zu einem Bandscheibenvorfall?
Der Wassergehalt des Gallertkernes der
Bandscheibe nimmt im Laufe der
Zeit ab und damit die Elastizität, wodurch die Beweglichkeit beeinträchtigt
wird. Der Faserring verliert allmählich seine Haltefunktion, wird rissig und
teilweise für die Gallertmasse durchlässig. Bereits in dieser Phase ist der
Vorfall einer Bandscheibe möglich.
Je nach Ausmaß desselben kommt es neben
Schmerzen zu
Reflexausfällen oder gar Paresen
(= Lähmungen), in
dem die segmentale, zugehörige
Nervenwurzel aus
dem
Rücken
mark in Mitleidenschaft gezogen wird.
Dieses Gesundheitsproblem ist auch durch eine
Bandscheibenoperation
(z.B.
Laminektomie,
Nukleotomie,
Diskotomie, oder
Diskektomie)
letztlich nicht zu lösen. Der beschriebene typische Ablauf des
Abnutzungsprozesses macht deutlich, daß auch mit einer Operation die eigentliche
Schmerz
ursache ja nicht behoben werden kann, im Gegenteil, es besteht sogar die
Gefahr, daß der degenerative Prozeß noch beschleunigt wird. Mit jeder Operation
nimmt die Tendenz zur Instabilität zu, abgesehen von den zusätzlichen iatrogenen
(= durch die
Operation verursachten)
Gewebsschädigungen. Häufiger kommt es nach
Bandscheibenoperationen
zum sog.
Postnukleotomie-Syndrom.
Es ist daher zu begrüßen, daß die Indikation
(= Anzeige)
zur
Bandscheibenoperation
in den letzten Jahren immer mehr eingeschränkt worden ist. Als Grund für eine
Operation ist das Krankheitszeichen "Rückenschmerz"
oder „Kreuzschmerz“
in den Hintergrund getreten. Als relative Indikation
(= Anzeige)
gelten allenfalls unerträgliche, therapieresistente
(= nichts hilft)
Rückenschmerzen.
Beim sog. Cauda-Syndrom
(= Rückenmarkschädigung mit Lähmung der
Beine),
ebenso bei motorischen Defiziten
(= Beeinträchtigungen der
Muskelfunktion), die unter
konservativer Therapie
(= Behandlung ohne Operation)
bestehen bleiben oder gar zunehmen, muß operiert werden, um eine
Entlastung herbeizuführen.
Medikamentöse Schmerztherapie:
Akut
(= plötzlich einsetzend,
heftig) und subakut
(= eher schleichend verlaufend)
können zunächst (vorwiegend) peripher wirkende
Analgetika (=
Schmerzmittel, die
am Ort der Schmerzentstehung wirken)
eingesetzt werden, insbesondere sog. nicht steroidale Antirheumatika
(= Rheumamittel),
aus dieser Gruppe möglichst lang
wirkende und magenschonende wie z.B. Mobec®). Besonders magenschonend und auch
entzündungshemmend sind die sog. COX-2 Inhibitoren, z.B. Parecoxib (Dynastat®)
oder Etoricoxib (Arcoxia®), allerdings scheint diese Stoffgruppe mit
einem Herz-/Kreislauf-Risiko verbunden zu sein, zumindest bei längerer
Therapiedauer. Es bleibt abzuwarten, ob Parecoxib und Etoricoxib nicht auch noch
vom Markt genommen werden, wie schon andere Mittel dieser Stoffgruppe zuvor.
Bei stärkeren schmerzhaften Muskelverspannungen können darüber hinaus auch
Muskel
relaxanzien (=
Mittel zur Muskelentspannung) (z.B.
Norflex®, Mydocalm®) verordnet werden.
Manchmal ist aber der
Schmerz nur mit
zentralwirkenden Analgetika (z.B. Tramadol, Valoron N® oder gar
Morphin) (= im Gehirn bzw. Rückenmark wirkende Schmerzmittel)
beherrschbar.
Grundsätzlich sollte aber auch beim Vorfall einer
Bandscheibe eine längerfristige Schmerzmittelverordnung wegen der
Gefahr der Gewöhnung oder gar
Schmerzmittelabhängigkeit
vermieden werden.
Die Kombination mit
Antidepressiva
(= Mittel gegen Depression,
aber auch bei chronischen
Schmerzen wirksam)
zur
Schmerzdistanzierung (z.B. Doxepin, Maprotilin) hilft in vielen
Fällen Schmerzmittel einzusparen.
Therapeutische Lokalanästhesie
(= Behandlung mit einem örtlichen
Betäubungsmittel):
Bei einem anhaltenden
Rückenschmerz
sollten rechtzeitig alternative Methoden eingesetzt werden. Eine sehr wirksame
Alternative, ohne jedes Gewöhnungs- oder Suchtpotential, ist die
therapeutische Lokalanästhesie
mit einem langwirkenden örtlichen Betäubungsmittel (z.B. Bupivacain) in
Form von örtlichen Betäubungen und
Nervenblockade
n.
Infiltrative
Lokalanästhesie
(= Infiltration mit einem örtlichen Betäubungsmittel):
Die einfachste diesbezügliche
Therapie besteht in der örtlichen Infiltration der meist verspannten, an die Wir
belsäule angrenzenden Mus
kulatur. Je nach segmentaler Ausdehnung
reichen ca. 5-10 ml Bupivacain 0,25% bis 0,5% völlig aus. Eine weitere
Möglichkeit ist die gezielte Infiltration von Triggerpunkten
(= kleine Reizzonen hpts. in der Mus
kulatur)
nach vorheriger Identifizierung derselben.
Periphere temporäre
(= oberflächliche, zeitlich begrenzte)
Nervenblockaden:
Zur Unterbrechung segmentaler Reflexkreise, aber auch zur Therapie von
Schmerzausstrahlungen eignen sich bei Rückenschmer
zen Blockaden
(= Betäubungen)
der korrespondierenden Ner
venwurzeln
(= im Schmerzbereich befindliche Nervenaustrittstellen neben
der Wir
belsäule).
Im Lendenbereich auch kontinuierlich mit Katheter (*siehe
unten).
Schmerzausstrahlungen in
Schulter /
Arm, wie sie bei
einem Vorfall einer Bandscheibe der unteren
Halswir
belsäule in typischer Weise vorkommen, sprechen
zufriedenstellend auf die wiederholte hohe Blockade des Plexus brachialis
(= Betäubung des
Armnervengeflechts im seitlichen Halsbereich)
nach Winnie an. Technisch risikoärmer und oft besser wirksam
ist jedoch die kontinuierliche, retrograd hohe Plexus brachialis-Blockade mit
Katheter (*siehe unten). Dabei ist der interskalenäre
(= zwischen
Muskeln im
seitlichen, unteren Halsbereich)
Zugang mit einem etwas höheren Risiko behaftet als bei der axillären
(= nahe der Achselhöhle)
Kathetereinpflanzung.
Im Bereich der Be
ine können bei entsprechender radikulärer
oder pseudoradikulärer Schmerzausstrahlung
(=
Schmerzen die auf
eine tatsächlich oder scheinbar geschädigte Nervenwurzel zurückzuführen sind) der vordere
Oberschenkel
nerv (N. femoralis) und / oder der
Ischias
nerv wiederholt blockiert werden, in hartnäckigen Fällen mit Katheter (*
siehe unten).
Der Vorfall einer
Bandscheibe im mehr
oberen Lendenwirbelsäulenbereich kann zu Schmerzausstrahlung in den Bereich des
seitlichen und inneren Oberschenkels führen. Mit der sog. 3-in-1-Blockade
gelingt die zusätzliche Betäubung der Ner
ven obturatorius und cutaneus femoris lateralis, deshalb auch geeignet
zur Behandlung der
Meralgia paraesthetica
(=
brennende Schmerzen
an der Oberschenkelaußenseite).
Eine Periduralblockade
(= rückenmarknahe Betäubung)
im Bereich der Halswir
belsäule erfordert ein strenge
Nutzen-/Risikoanalyse.
Die lumbale Periduralblockade (= rückenmarknahe Betäubung im Lendenbereich),
insbesondere
kontinuierlich mit Katheter*, ist bei bandscheibenbedingten
Rückenschmerzen
bzw.
Kreuzschmerzen eine
sehr effektive Therapiemaßnahme, die allerdings nur unter stationären
Bedingungen durchgeführt werden sollte. Bei technischer Beherrschung, adäquater
Lokalanästhetika-Dosierung und Beachtung der hygienischen Belange kann das
Risiko bei der Anzeige "Rückenschmerz"
als vertretbar eingestuft werden.
Statt mit einem örtlichen
Betäubungsmittel können die aufgeführten, rückenmarknahen Blockaden auch mit
einer verdünnten Morphin-Lösung durchgeführt werden, allerdings ist dabei die
oft zu beobachtende, über die Behandlungszeit hinaus anhaltende Wirkung deutlich
weniger ausgeprägt.
Bei sehr schweren und sonst kaum behandelbaren Rückenschmer
zen kann zur Durchführung rückenmarknaher
Blockaden auch eine kleine Schmerzpumpe unter die Haut gepflanzt werden.
Das Arzneimittelreservoir der Pumpe wird dann in bestimmten Zeitabständen durch
die Haut hindurch mit Hilfe einer Spritze wieder aufgefüllt.
* Bei der sog. kontinuierlichen Blockade mit Katheter wird der dünne Kunststoffschlauch dicht an Nervengeflechte bzw. den betroffenen Ner ven eingepflanzt. Die Einpflanzung erfolgt durch eine handelsübliche Kanüle hindurch, es muß also nicht „aufgeschnitten“ werden. In der Folge wird über diesen Katheter mehrmals täglich, jeweils nach Abklingen der vorangegangenen Dosis, das örtliche Betäubungsmittel völlig schmerzlos nachgespritzt. In bestimmten Fällen kann zur Verabreichung des örtlichen Betäubungsmittel durch den Katheter hindurch auch eine kleine Pumpe angeschlossen werden. Das Lokalanästhetikum (= örtliche sBetäubungsmittel) wird bei dieser Behandlung so dosiert, dass die grobe Kraft erhalten bleibt (bei gleichzeitiger Hemmung der Schmerzreizleitung), damit begleitend krankengymnastische Übungsbehandlungen möglich bleiben. Dass die schmerzlindernde Wirkung i.d.R. über die eigentliche Behandlungszeit hinaus anhält, ist u.a. darauf zurückzuführen, daß bei dieser Blockadebehandlung auch die sog. vegetativen Ner ven betroffen sind, woraus eine sehr deutliche Durchblutungssteigerung resultiert. Dies ist der Grund, warum diese Behandlungsmethode besonders bei Schmerzen, die durch entzündliche Prozesse entstanden sind, hilfreich ist.
Physikalische Therapie:
Auch die Elektrostimulation kann
eine Beschwerdelinderung herbeiführen. Die transkutane Nervenstimulation
mit Niederfrequenzgenerator über Klebeelektroden (TENS) hat den Vorteil, daß
sich die Patienten bei Bedarf selbst behandeln können. Die Elektroden werden
paarig neben der Wir
belsäule im
Schmerz bereich aufgeklebt.
Durch Veränderung der Stimulationsfrequenz und der Elektrodengröße kann die
Wirkung optimiert werden.
Eine weitere physikalische Behandlungsmöglichkeit ist die oberflächliche
Kältetherapie im Schmerzbereich. Wir verwenden einen elektrischen
Kaltluftgenerator, dessen Luftstrom auf ca. -10 bis -15 Grad C abgekühlt ist.
Manche Patienten mit einem Vorfall einer Bandscheibe
empfinden allerdings lokale Wärmeapplikationen (Rotlicht) als besser
wirksam. Warme Bäder können ebenfalls einen
Rückenschmerz
lindern.
Die Verordnung von Massagen ist bei chronischen Schmerzen, auch nach
einem Bandscheibenvorfall, nicht sinnvoll. Für den Patient mag
diese Behandlung zwar angenehm sein, aber unter schmerztherapeutischem Aspekt
bringt sie nichts und führt nur zu unnötigen Kosten.
Nahezu unverzichtbar ist aber die heilgymnastische Therapie, da meist nur
diese geeignet ist, einen ärztlichen Behandlungserfolg zu sichern und
längerfristig zu stabilisieren. Dabei gilt es, die
Muskeln neben der
Wir
belsäule zu trainieren, da auf Dauer nur eine
kräftige/suffiziente Mus
kulatur eine statische und dynamische
Schwäche des Achsenorgans kompensieren kann.
Auch eine
Magnetfeldtherapie (pulsierende
Signaltherapie) kann schmerzlindernd wirken.
Andere Therapiemaßnahmen
bei einem Bandscheibenvorfall:
Der Vollständigkeit halber darf die
Akupunktur (Schmerzakupunktur)
nicht unerwähnt bleiben.
Wichtig sind individuelle Instruktionen zur richtigen Haltung und
Vermeidung von übermäßigen Wirbelsäulenbelastungen (funktionelle Ergotherapie
bzw.
Rückenschule).
Darüber hinaus ist anzustreben, daß die betroffenen Patienten Übungen zur
Lockerung der Mus
kulatur erlernen.
Die Verordnung von Hilfsmitteln wie z.B. stabilisierende Korsette sollten dem
Orthopäden vorbehalten sein.
Hypnoide (=
bewußtseinsverändernde) Verfahren
wie autogenes Training oder progressive Relaxation nach Jakobson sind auch beim
Vorfall einer Bandscheibe eine sinnvolle
Ergänzung der Gesamtstrategie, da auch sie zu einer muskulären Entspannung
führen, ebenso
Biofeedback (=
Registrierung und Rückmeldung bioelektrischer Signale).
Psychologisch / psychotherapeutische Interventionen können
beim ausgeprägten "psychosomatischen Schmerz" angezeigt sein, da auch verdrängte
Konflikte muskuläre Verspannungen und Schmerzen verstärken können. Hilfreich ist
insbesondere auch ein
Schmerzbewältigungsstraining.
Kommt man um eine Operation nicht herum, so bieten die Methoden der modernen Schmerztherapie optimale Voraussetzungen für eine nachfolgende Anschlußheilbehandlung (Anschlußrehabilitation). Mehr darüber erfahren Sie hier: http://www.anschlussheilbehandlung.eu (einfach anklicken).
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